Berufliches Projekt beim Tiefbauamt Graubünden, Kunstbauten und Erhaltung. Grundlagen: das Bauprojekt (technischer Bericht, März 2018) und meine eigenen Bausitzungsprotokolle von November 2018 bis März 2020. Namen von Beteiligten und Kosten werden nicht genannt.
Ausgangslage
Die Rheinbrücke Fläsch verbindet Graubünden mit dem Kanton St. Gallen. Die Spannbetonbrücke wurde 1967/68 mit Beteiligung des Militärs gebaut, ist 122 m lang und überspannt den Rhein in drei Feldern (rund 37, 48 und 37 m). Beide Pfeiler waren flach fundiert. Die regelmässigen Sohlenmessungen zeigten 2013, dass sich die Flusssohle am linken Pfeiler seit 2005 um bis zu 1.50 m eingetieft hatte. Bei einem Hochwasser hätte der Kolk die Pfeiler unterspülen können.
Lösung
- Tiefenfundation. Pro Pfeiler vier Ortbeton-Bohrpfähle mit 100 cm Durchmesser und 20 m Länge. Bemessen wurde auf eine Kolktiefe von 10 m und ein Hochwasser HQ 300 mit Schwemmholz.
- Lastumlagerung. Die bestehenden Pfeiler wurden stirnseitig verbreitert. Die Lasten des Überbaus gehen über den Hammerkopf in die Verbreiterungen und von dort über eine strömungsgünstig zugespitzte Abfangplatte in die neuen Pfähle.
- Bauen im Trockenen. Je eine Bohrplattform im Flussbett, Baugrube mit Spundwänden und Abspriessung, Wasserhaltung über Filterbrunnen.
Herausforderungen und wie wir sie gelöst haben
Ein Zeitfenster von drei Monaten pro Pfeiler. Gebaut werden durfte nur bei Niedrigwasser zwischen Mitte November und Ende Februar, mit Reserve bis Mitte März. Deshalb zwei Winter: 2018/19 der rechte Pfeiler, 2019/20 der linke. Rückstände von rund einer Woche wurden in den Bausitzungen offen ausgewiesen und mit Massnahmen im Bauprogramm angegangen. Laut letztem Protokoll vom 9. März 2020 waren die letzte Betonieretappe auf den 11. März und die Abnahme des Pfeilers durch die Bauleitung auf den 13. März terminiert, der Rückbau der Plattform auf die Folgewoche, also innerhalb der Reserve bis Mitte März.
Ein Fluss mit Tagesgang. Durch den Kraftwerksbetrieb flossen morgens nur 20 bis 30 m³/s, ab Mittag bis zu 300 m³/s. Die Bohrplattformen wurden mit einer Abflussberechnung auf 300 m³/s plus 20 cm Freibord ausgelegt. Dazu kam ein Alarmierungskonzept: Pegelmeldungen einer Messstation flussaufwärts, ab 220 m³/s Räumung der Baustelle in Absprache mit der Bauherrschaft, rund drei Stunden Vorwarnzeit.
Eine Brücke unter Beobachtung. Während der ganzen Bauzeit wurde die bestehende Brücke vermessungstechnisch überwacht, mit Alarmwerten für Verschiebungen und Setzungen. Nach den Rammarbeiten zeigte die Messung eine Setzung eines Pfeilers von 10 mm, bei gleichzeitig zurückgehender Verschiebung. Die Messresultate wurden fachlich ausgewertet; vor den Bohrpfählen war zudem eine Sondage des alten Fundaments zwingend.
Spundwände im Rheinschotter. Beim Rammen der unterwasserseitigen Spundwand traten Schwierigkeiten auf; die Wand wurde um 1.20 m flussabwärts verschoben. Weil dieser Entscheid ohne Rücksprache mit Bauherrschaft und Projektverfasser gefallen war, wurde als Pendenz festgehalten, Abweichungen vom Projekt künftig vor der Umsetzung am Jour fixe mit der Bauleitung zu besprechen.
Eine Erdgasleitung an der Brücke. Die Gasleitung am Brückenüberbau wurde vor den Bohrarbeiten mit einer vollflächigen Verschalung geschützt, vom Werkeigentümer abgenommen und nach dem Rückbau der Schutzmassnahmen erneut abgenommen.
Gewässer- und Umweltschutz. Mit Umweltbaubegleitung und Fischerei: Rückgabe des Pumpwassers über ein Erdbecken, Abwasser der Neutralisationsanlage ebenfalls dorthin, Maschinenliste mit Abgaswartungsnachweisen, Massnahmen gegen Staub, Abklärung biologisch abbaubarer Hydrauliköle, Fischereiaufsicht bei den Pumpversuchen, Schlussbericht der Umweltbaubegleitung.
Betonieren im Winter. Nachbehandlung bei tiefen Temperaturen nach den Bestimmungen des Tiefbauamts, mit Einhausung und Heizung wo nötig.
Material und Rückbau. Das Schüttmaterial für die Plattform konnte direkt aus der Kiesbank im Baubereich gewonnen werden; geplante Transporte entfielen. Nach Bauende wurden die Plattform zurückgebaut, die Abschlussmassnahmen am Ufer mit dem Rheinunternehmen abgestimmt und die Wuhrsteine mit Wägung an ihren Lagerplatz zurückgeführt.
Abrechnung. Nachträge wurden geprüft, bevor sie anerkannt wurden. Eine im zweiten Winter doppelt erfasste Ausmassposition wurde in der Kontrolle erkannt und gestrichen.
Meine Rolle
Örtliche Bauleitung des Tiefbauamts: Bausitzungen geleitet und protokolliert, Baustellenorganisation und Alarmierung festgelegt, Unternehmer, Projektverfasser, Flussbau, Vermessung, Umweltbaubegleitung, Fischerei und Werkeigentümer koordiniert, Qualität und Ausmass geprüft, Bauteile abgenommen und Rechnungen freigegeben.
Bezug zum Netzbau
Auch hier lag eine fremde Leitung im Baubereich: eine Erdgasleitung am Brückenüberbau. Schutz, Abnahme durch den Werkeigentümer und Rückbau der Schutzmassnahmen gehörten zum Ablauf, genau wie heute bei Leitungen im Glasfaserausbau.


