Berufliches Projekt beim Tiefbauamt Graubünden, Bezirk 1 Chur. Grundlagen sind das öffentlich aufgelegte Auflageprojekt (technischer Bericht, April 2019) und meine eigenen Bausitzungsprotokolle von Juli 2020 bis Juli 2021. Namen von Beteiligten und Angaben zu einzelnen Grundstücken werden nicht genannt.
Ausgangslage
Die Meiersbodenstrasse verbindet Chur mit der Fraktion Meiersboden. Bei Sassal quert sie die Plessur auf einer schief gelagerten Stahlbetonbrücke von 1967 mit 22.6 m Spannweite. Nach einer detaillierten Überprüfung 2009 und der Hauptinspektion 2012 stufte das Tiefbauamt die Brücke in die Zustandsklasse 4 (schlecht) ein. Zudem war das Durchflussprofil für Hochwasser knapp.
Der Ort ist eng. Unmittelbar neben der Brücke führt die Bahnlinie Chur–Arosa vorbei, geschützt von einer Steinschlaggalerie. 2001 hatte ein Felssturz die Übergangsplatte am Widerlager durchschlagen. Hinter dem Widerlager liegt die Druckleitung eines Kraftwerks, unverschiebbar. An und neben der Brücke verlaufen Wasserleitungen, Kanalisation sowie Leitungen für Strom, Telekommunikation und Bahn.
Projekt in Zahlen
| Neue Brücke | Stahlverbundbrücke mit zwei Hohlkastenträgern, Spannweite rund 25 m, Schiefe rund 38° |
| Breite | Fahrbahn 2 × 3.00 m plus je 0.50 m seitlicher Raum, mit Randabschlüssen 8.00 m |
| Projektlänge | rund 100 m |
| Hochwasser | Nachweis für ein HQ100 von rund 95 m³/s; im Bauzustand HQ20 mit 80 m³/s |
| Verkehr | rund 300 Fahrzeuge pro Tag, davon rund 20 % Schwerverkehr und Bus |
| Kostenschätzung Auflageprojekt | rund 2.35 Mio. Franken (Genauigkeit ± 15 %) |
Lösung
- Variantenstudie. Verglichen wurden Instandsetzung, Neubau an bestehender Lage und Neubau weiter flussabwärts. Wegen Felssicherung, Fussgängerführung und Zufahrten entschied die Bauherrschaft für den Neubau an bestehender Lage.
- Hilfsbrücke. Eine Hilfsbrücke hielt die Strasse während der ganzen Bauzeit offen. Ihre Hauptträger wurden in einer Nacht mit Strassensperrung eingebaut.
- Fundation nach Baugrund. Auf der Seite Chur stand tragfähiger Fels an, Tiefenfundationen waren nach der Baugrundabnahme nicht nötig. Auf der Seite Meiersboden wurde das Widerlager mit Mikropfählen fundiert.
- Stützmauer. Eine neue, mit Naturstein verkleidete Stützmauer schafft Platz für die spätere Fusswegverbindung Chur–Meiersboden.

Meine Rolle
Als örtliche Bauleitung des Tiefbauamts habe ich von der Startsitzung bis zur Vorabnahme die Bausitzungen geleitet und protokolliert. Dazu gehörten Bauprogramm und Termine, Ausführungskontrollen, Absteckung und Überwachung, Regie- und Nachtragspreise, Ausmass und Teilrechnungen sowie die Abstimmung mit Bahn, Werkeigentümern, Stadt, Polizei und Fischerei.
Herausforderungen aus den Bausitzungen
- Bahn direkt neben der Baustelle. Arbeiten am Widerlager Chur nur mit Sicherheitswärter, Kranbetrieb nach Auflagen der Bahn, Zwangstermine der Bahn im Bauprogramm.
- Steinschlag. Vor Baubeginn wurde der Fels geräumt und ein absturzgefährdeter Felsblock oberhalb der Galerie dauernd überwacht.
- Druckleitung und Wasserleitungen. Die Druckleitung des Kraftwerks wurde beim Widerlager einbetoniert und geschützt. Für die Ausserbetriebnahme der Wasserleitungen gab es ein eigenes Bauprogramm mit dem Werkeigentümer.
- Verzug der Stahlträger. Nach dem Einheben zeigten die Hohlkastenträger Abweichungen durch Schweissverzug: zu wenig Überhöhung, Verdrehungen bis rund 60 mm, ein zu kleiner Trägerabstand. Wir haben die Abweichungen vermessen lassen und dokumentiert, einen Träger korrigiert und beide Träger beim Betonieren der Platte mit Schwerlasttürmen gestützt. Bis zum Ausbau der Abstützungen wurde die Brückenplatte wöchentlich nivelliert. Die Hochwassersicherheit der Abstützung wurde im Sicherheitsdispositiv geregelt.
- Gewässer. Arbeiten in der Plessur nur nach Meldung an die Fischerei. Den Rückbau der Hilfsbrückenfundamente haben wir auf die Zeit nach dem Rückgang des Wasserstands gelegt.
- Pandemie und Winter. Schutzkonzepte auf der Baustelle; als ein Polier ausfiel, wurde die Sicherung der Arbeiten neben dem Gleis anders organisiert. Über den Winter wurden die Schalungen abgedeckt.

Bezug zum Netzbau
Alle Leitungen im Brückenbereich wurden zuerst auf die Hilfsbrücke umgelegt und danach in die neue Brücke integriert, zwischen die beiden Hohlkastenträger. Dafür waren Koordinationssitzungen mit den Werkeigentümern nötig. Die Grundsätze zur Kostentragung waren in den Verfügungen und im kantonalen Strassengesetz geregelt: Muss eine Leitung wegen eines Umbaus von Strasse oder Brücke angepasst werden, trägt der Werkeigentümer die Kosten; den Schutz der Leitungen während der Bauarbeiten trägt der Strasseneigentümer. Genau an diesen Schnittstellen arbeite ich heute aus Sicht des Netzbetreibers.
Ergebnis
Ab Oktober 2020 lief der Verkehr über die Hilfsbrücke, im Februar 2021 wurden die Stahlträger eingehoben. Im Juni 2021 waren die Betonarbeiten an der Brücke abgeschlossen, danach wurde die Hilfsbrücke zurückgebaut. In der letzten Bausitzung im Juli 2021 waren die Baumeisterarbeiten bis auf die Arbeiten im Gewässer abgeschlossen, die Belagsarbeiten begannen am 19. Juli 2021. Den Deckbelag haben wir mit der Stadt Chur für September koordiniert.



